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Ein Frosch-Wurf für Female Empowerment

  • Autorenbild: Katrin Reichwald
    Katrin Reichwald
  • 9. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Stunden

Ein Frosch fliegt gegen die Wand und mit ihm traditionelle Rollenbilder. Das Grimmsche Märchen vom „Froschkönig“ erzählt weit mehr als eine Geschichte über Moral. Es eröffnet eine überraschend aktuelle Perspektive auf Selbstbestimmung und weibliche Handlungsfähigkeit.


Illustration: K. Reichwald
Illustration: K. Reichwald

Eigentlich könnte „Der Froschkönig“ eine sehr kurze Geschichte sein. Die goldene Kugel fällt in den Brunnen, der Frosch eröffnet sein Angebot und die Prinzessin lehnt ab. Die Moral von der Geschicht‘? „Ich lasse mich nicht emotional erpressen.“ Aber so einfach ist es nicht: Die Kugel ist nun einmal das „liebste Spielzeug“ der Prinzessin. Ihr Verlust löst so tiefes Leid aus, dass sie jeden anderen Besitz eintauschen würde. Doch der Frosch will nicht Besitz. Er will Gefährte sein, mit am Tisch sitzen, mit im Bett des Mädchens schlafen. So nimmt ein Märchen seinen Lauf, das in seiner Vielschichtigkeit Forschungsgegenstand für verschiedene wissenschaftliche Ansätze ist und auch für die heutige Zeit viel Potenzial und eine große Aktualität bietet. Entscheidend ist die Botschaft, die man in den Fokus stellt.


Wenn die Moral einer Geschichte zu kurz greift


Traditionell durch die Generationen vermittelt wird eine moralische Lesart mit den Botschaften: „Versprechen muss man halten“ und „Wahre Werte liegen im Inneren“. Gerade für Kinder werden dafür häufig abgewandelte Märchen-Varianten verwendet. Ein Kuss zwischen Prinzessin und Frosch führt zur Verwandlung in den Prinzen. Die Prinzessin überwindet ihren Ekel, steht zu ihrem Versprechen und wird dafür belohnt. Doch auch das Original aus der Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm ist in vielen Haushalten zu finden. Und das ist so gar nicht schwarz-weiß und bricht mit gängigen Rollenerwartungen.

Laut einer Umfrage[1] vom Juni 2026 kennen über 75 Prozent der Befragten das Grimmsche Märchen, in dem die Prinzessin den Frosch nicht küsst, sondern gegen die Wand wirft.

 

Die Umfrage signalisiert außerdem, dass bei den meisten Befragten die moralischen Botschaften präsent sind.

Kaum ins Gewicht fällt in dieser Deutung eine absolute Schlüsselszene: Die Prinzessin packt den Frosch und wirft ihn wütend gegen die Wand. Das wirkt unmoralisch, aggressiv, vor allem aber unerwartet für die gängige Vorstellung einer Märchenprinzessin. Nicht nur bricht sie hier  ihr Versprechen, sie löst ihre Verpflichtung durch eine gewaltsame Handlung auf.


„Ein gänzlich unkonventionelles Verhalten […] ein auf den ersten Blick höchst unmoralisches […] Tun“, schreibt Heinz Rölleke in „Wo das Wünschen noch geholfen hat“. Gesammelte Aufsätze zu den Kinder- und Haus-Märchen. Doch ist es genau dieses Handeln, das zur Erlösung des Prinzen führt, und zwar „in Zeitläufen, denen Begriffe wie Selbstverwirklichung, Emanzipation oder gar Feminismus so fremd wie etwas waren“, so Rölleke.  


Ein Blick auf die Umfrage zeigt:  41,9 Prozent der Befragten sind der Meinung, die Prinzessin handle unangemessen. Für immerhin 29 Prozent verhalten sich sowohl Frosch als auch Prinzessin inadäquat.

Unabhängig vom historischen Kontext ordnen feministische und tiefenpsychologische Ansätze die Froschwurf-Szene so ein, dass sie eine wertvolle Botschaft für eine moderne Gesellschaft und Geschlechterrollen fernab von Stereotypen transportieren kann: Die Selbstermächtigung der Prinzessin und ihr aktives Handeln als selbstbestimmte Frau.


„Nein“ heißt „Nein“ – von der Abhängigkeit in die Eigenverantwortung


Obwohl sie sich ekelt und Angst hat, befiehlt der König seiner Tochter, ihr Versprechen einzulösen und den Frosch mit an den Tisch und mit in ihr Bett zu nehmen. Der für seine Märchen-Deutungen bekannte Psychoanalytiker Eugen Drewermann beschreibt den Gehorsam der Prinzessin als Zwang, der in einer abhängigen Vaterbindung begründet liegt. Aus einer der jüngeren Fassungen des „Froschkönigs“ zitiert Drewermann: 


Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte und sprach:

„Mein Kind, was fürchtest du dich? Steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?“


Die Prinzessin schildert daraufhin dem Vater, was am vorherigen Tag passiert war und das Dilemma, in dem sie sich nun befindet:


„Ich versprach ihm dafür, er sollte mein Freund werden; ich dachte aber nimmermehr, dass er aus seinem Wasser herauskönnte.“


Im Folgenden zeigt sich, wie die Wertevorstellung des Vaters die Prinzessin an ein Versprechen bindet, das sie leichtfertig gegeben und nicht ernstgenommen hat.


 „Was du versprochen hast, das musst du auch halten. […] Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du danach nicht verachten.“


Aus einer moralischen Verantwortung heraus ist das Gebot des Königs nachvollziehbar. Doch was ist mit seiner Verpflichtung als Vater seiner Tochter gegenüber? Als Sorgeberechtigter ist er für ihren Schutz und ihre Sicherheit zuständig. Ob sich das mit der Erlaubnis an einen Fremden, mit der Tochter in einem Bett zu schlafen, vereinbaren lässt, ist fraglich.


Und wie passt der für die Prinzessin geltende starre moralische Kompass überhaupt zum Verhalten des Frosches? Auch dieses ist problematisch und mit Moral schlecht vereinabr. Er nutzt, so Drewermann, die Notsituation der Prinzessin aus, um Liebe zu „erpressen“. Sie braucht ihn, um ihre goldene Kugel wiederzubekommen. Doch anstatt die Rolle eines edlen Retters einzunehmen, nutzt der Frosch die Verletzlichkeit und Abhängigkeit des Mädchen für eine Verbesserung seiner eigenen Situation.


Der Widerstand der Prinzessin kann Vorbild für Mädchen sein


Zunächst verhält sich die Prinzessin dem Willen ihres Vaters entsprechend. Der Befehl des Königs ermöglicht dem Frosch, ihren Gehorsam als Druckmittel zu verwenden:


 „Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: Heb mich herauf, oder ich sag‘s deinem Vater.”


Nun kommt es zum bereits erwähnten Wendepunkt in der Geschichte. Die Prinzessin packt den Frosch und schleudert ihn gegen die Wand. Der Wurf wird zum Befreiungsschlag: Durch ihn handelt die Prinzessin selbstbestimmt. Sie löst sich aus einem Gehorsam, der für sie grenzüberschreitend wäre. „Die klassischen Frauenattribute [sind] durch sie auf den Kopf gestellt“, fasst Mirjam Gille es in ihrer Dissertation zusammen.


Diese Botschaft darf oder muss vielleicht sogar in der heutigen Welt eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die altbekannten moralischen. Denn sie vermittelt, dass nicht Folgsamkeit belohnt wird, sondern selbstbestimmtes Handeln und die Achtung der eigenen Grenzen. Der Frosch wird „ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Er wurde ihr lieber Freund und Gemahl.“ Doch nicht, weil er bekommt, was ihm versprochen wurde, sondern weil das Gegenteil passiert: Widerstand.


Die Prinzessin hatte leichtfertig den Forderungen des Frosches zugestimmt, in der Annahme, sie würden nie eingelöst werden. „Die Deskription ihres Wesens“, so Gille, „steht diametral zur Beschreibung ihres Äußeren, da sie nicht unterwürfig und gut ist. Die durch einen Gewaltakt ausgelöste Erlösung bedeutet das Aufbrechen der stummen und demütigen Erlöserin“.

Vielleicht liegt darin die zeitgemäßeste Botschaft dieses Märchens: Nicht blinder Gehorsam führt zur Erlösung, sondern die Fähigkeit, eigene Grenzen zu ziehen und selbstbestimmt zu handeln. Indem die Prinzessin die ihr zugedachte passive Rolle verlässt, erlöst sie den Prinzen und wird selbst zur Königin.

 

Video:



Quellen und Links:


  • Eugen Drewermann: Der Froschkönig. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet

  • YouTube: Drewermann Kanal. Drewermann deutet Grimms Märchen DER FROSCHKÖNIG. 11. Sommervorlesung 2023. Märchen als Therapie.

  • Mirjam Gille: Die adoleszenten Jungfrauen in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Januar 2011.

  • Kinder- und Haus-Märchen Band 1 (1812)

  • Kinder- und Haus-Märchen Band 1 (1857)

[1] Zur Umfrage:

Die Umfrage ist nicht repräsentativ für die festgelegten Altersgruppen. (Insgesamt wurden Menschen zwischen 18 und 60+ Jahren befragt.) Über 50 Prozent der Teilnehmenden befinden sich in der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren. Mehr als 60 Prozent der Teilnehmenden sind weiblich.


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